Ach, dieser winzige Krümel wird doch wohl nichts ausmachen?!

Wer Zöliakie hat, hat diesen Satz – oder zumindest eine ähnliche Version davon – wahrscheinlich schon einmal gehört.

Vielleicht ging es um einen Brotkrümel am Buttermesser oder um ein paar Krümel auf dem Schneidebrett.

Für jemanden, der sich mit Zöliakie nicht auskennt, kann ich sogar verstehen, dass das Ganze manchmal etwas übertrieben wirkt. Da liegt ein winziger Krümel – und meine Reaktion darauf scheint im Verhältnis dazu vielleicht ein bisschen … groß. Vielleicht sogar ein wenig kompliziert und Anspruchsvoll.

Aber das eigentliche Problem ist nicht, wie harmlos dieser Krümel aussieht.

Entscheidend ist, was passiert, wenn selbst eine kleine Menge Gluten auf das Immunsystem eines Menschen mit Zöliakie trifft.

Denn dieser winzige Kontakt kann im Körper etwas sehr viel Größeres in Gang setzen.

Was passiert eigentlich, wenn Gluten in den Körper gelangt?

Zuerst einmal: Zöliakie ist keine Allergie oder Unverträglichkeit.

Und genau hier liegt wahrscheinlich einer der wichtigsten Unterschiede, die man verstehen muss, wenn man nachvollziehen möchte, warum selbst kleinste Mengen Gluten bei Zöliakie eine Rolle spielen.

Zöliakie ist eine Autoimmunerkrankung.

Nimmt ein Mensch mit Zöliakie Gluten zu sich, löst dies eine fehlgeleitete Immunreaktion aus. In der Folge entstehen Entzündungsprozesse, die die Schleimhaut des Dünndarms schädigen.

Dieser Unterschied ist wichtig.

Bei einer Laktoseintoleranz zum Beispiel liegt das Problem hauptsächlich in der Verdauung: Der Körper kann Laktose nicht ausreichend aufspalten. Die Folgen können sehr unangenehm sein – biologisch gesehen passiert dabei aber etwas ganz anderes.

Bei Zöliakie ist Gluten der Auslöser einer Immunreaktion.

Mein Immunsystem bekommt sozusagen das Signal, aktiv zu werden. Und das Problem dabei ist, dass am Ende richtet sich diese Reaktion gegen mein eigenes Darmgewebe in Dünndarm.


Schauen wir uns das etwas genauer an.

Die Schleimhaut unseres Dünndarms ist mit Millionen winziger, fingerförmiger Ausstülpungen bedeckt – den sogenannten Darmzotten. Sie vergrößern die Oberfläche des Dünndarms enorm und ermöglichen es uns, Nährstoffe aus der Nahrung aufzunehmen.

Bei Zöliakie setzt Gluten eine ganze Reaktionskette in Gang.

Ein Enzym namens Gewebetransglutaminase (tTG) verändert bestimmte Glutenbestandteile. Bei Menschen mit Zöliakie reagiert das Immunsystem fälschlicherweise auf diese Bestandteile und gluten-spezifische T-Zellen werden aktiviert.

Und genau hier kann aus einer winzigen Menge Gluten ein sehr viel größeres Problem werden.

Das aktivierte Immunsystem setzt entzündungsfördernde Botenstoffe frei und stößt damit Prozesse an, die die Schleimhaut des Dünndarms schädigen.

Bei anhaltendem oder wiederholtem Kontakt mit Gluten können sich die Darmzotten mit der Zeit verkürzen und abflachen. Man spricht dann von einer Zottenatrophie.

Zöliakie Darm

Wenn wir bei Zöliakie also darauf achten, Gluten konsequent zu vermeiden, geht es nicht einfach darum, Bauchschmerzen zu verhindern. Sondern es geht vor allem darum, die Immunreaktion zu vermeiden, um unseren Dünndarm vor weiteren Schäden zu schützen, damit er sich erholen und heilen kann.

Aber kann ein winziger Krümel wirklich all das auslösen?

Es wäre wissenschaftlich nicht korrekt zu behaupten, dass jedes mikroskopisch kleine Glutenpartikel bei jedem Menschen mit Zöliakie automatisch zu messbaren Darmschäden führt.

Die individuelle Reaktion kann sehr unterschiedlich sein, und wie genau sich extrem kleine Glutenmengen auf verschiedene Menschen auswirken, wird weiterhin erforscht.

Was wir aber wissen, ist wichtig:

Menschen mit Zöliakie können bereits auf erstaunlich kleine Glutenmengen biologisch reagieren – insbesondere dann, wenn immer wieder kleine Mengen Gluten in den Körper gelangen.

In kontrollierten Studien wurden Menschen mit Zöliakie genau abgemessene Mengen Gluten gegeben, um zu untersuchen, wie der Dünndarm darauf reagiert.

Und die Ergebnisse sind bemerkenswert: Wir sprechen hier nicht von Scheiben Brot. Nicht einmal von einem Bissen.

Wir sprechen von Glutenmengen im Milligrammbereich.

Eine bekannte Studie zeigte beispielsweise, dass die tägliche Aufnahme von 50 mg Gluten über einen Zeitraum von drei Monaten bei Menschen mit Zöliakie zu deutlichen Veränderungen der Dünndarmschleimhaut führte. Bei 10 mg pro Tag waren die Ergebnisse weniger eindeutig und unterschieden sich von Person zu Person.

Zum Vergleich: Eine normale Scheibe Brot enthält mehrere Tausend Milligramm Gluten.

Ja – die Mengen, die bei Zöliakie relevant sein können, sind tatsächlich erstaunlich klein.

Aber dabei gibt es einen wichtigen Punkt.

Das bedeutet nicht, dass ein einziges mikroskopisch kleines Glutenpartikel automatisch zu einer messbaren Schädigung der Darmzotten führt.

Es gibt keinen exakten Grenzwert, ab dem bei jedem Menschen mit Zöliakie plötzlich eine Darmschädigung entsteht. Die Reaktionen unterscheiden sich von Mensch zu Mensch, und vieles von dem, was wir über sehr geringe Mengen wissen, stammt aus Untersuchungen, bei denen Gluten über Tage oder Wochen hinweg wiederholt aufgenommen wurde.

Wir können also keine klare Grenze ziehen zwischen einem einzelnen winzigen Krümel und einer messbaren Schädigung des Dünndarms.

Was wir jedoch wissen: Die Glutenmengen, die bei Zöliakie Schaden verursachen können, werden in Milligramm gemessen – nicht in Bissen Brot.

Und das allein ist Grund genug, Krümel ernst zu nehmen.

Und was ist mit den bekannten 20 ppm?

Lebensmittel, die als glutenfrei gekennzeichnet sind, müssen nicht absolut null Gluten enthalten.

In der EU, Großbritannien und den USA gilt grundsätzlich: Ein Lebensmittel darf als glutenfrei bezeichnet werden, wenn es weniger als 20 ppm (parts per million) Gluten enthält.

Dieser Grenzwert soll dazu beitragen, dass die gesamte Glutenmenge innerhalb einer normalen glutenfreien Ernährung möglichst niedrig bleibt.

Und genau das hilft uns, die Krümel auf dem Schneidebrett aus einer anderen Perspektive zu betrachten:

Es geht nicht nur um diesen einen Krümel. Es geht auch darum, dass sich viele kleine Kontakte mit Gluten summieren können.

Und hier wird der Alltag entscheidend.

Ein paar Krümel in der Butter oder ein glutenfreies Sandwich, das auf einer Fläche zubereitet wird, auf der kurz vorher normales Brot lag. Vielleicht ein Holzlöffel, der erst durch die normalen Nudeln und anschließend durch die glutenfreien gerührt wird.

Jede dieser Situationen für sich kann so unbedeutend wirken, dass man sich fragt, ob man sich darüber wirklich Gedanken machen muss.

Und genau deshalb ist Kreuzkontakt mit Gluten für Außenstehende oft so schwer nachzuvollziehen.

Krümel sind außerdem längst nicht die einzige Möglichkeit, wie unbemerkt Gluten ins Spiel kommen kann. Gluten kann sich an Stellen verstecken, an denen man es vielleicht gar nicht erwartet – von Soßen und Gewürzmischungen über Nahrungsergänzungsmittel bis hin zu gemeinsam genutzten Arbeitsflächen und Küchenutensilien.

Das Problem ist: Diese kleinen Kontakte passieren nicht unbedingt nur einmal.

Auf eine kleine Glutenmenge beim Frühstück kann eine weitere beim Mittagessen folgen, dann noch eine beim Abendessen – und am nächsten Tag geht es weiter.

Was jedes einzelne Mal nach „nur ein bisschen“ aussieht, kann sich über Tage und Wochen zu einer wiederholten Glutenbelastung entwickeln.

Für Menschen mit Zöliakie ist das relevant, denn der Darm braucht einen konsequenten Schutz vor Gluten, um heilen zu können – und gesund zu bleiben.

Was bedeutet das nun für den Alltag?

Es bedeutet nicht, dass wir Angst vor jedem mikroskopisch kleinen Partikel haben müssen oder versuchen sollten, in einer vollkommen sterilen, glutenfreien Blase zu leben.

Es bedeutet vielmehr, die Situationen zu kennen, in denen es immer wieder zu vermeidbarem Kontakt mit Gluten kommen kann.

Es geht nur selten darum, wegen eines einzelnen Krümels „dramatisch“ zu sein. Es geht darum zu verhindern, dass aus kleinen Glutenkontakten etwas Alltägliches wird. Und vielleicht ist genau das der Wichtigste Punkt, den Menschen ohne Zöliakie verstehen sollten:

Wir sind nicht dramatisch wegen dieses winzigen Krümels. Wir versuchen, eine Immunreaktion zu verhindern, die sich gegen unseren eigenen Darm richtet.


Quellen & weiterführende Informationen